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PFAS greifen unsere Gesundheit an: chronisch, unsichtbar und kumulativ toxisch

Célina Leuba
Von
Célina Leuba
am
21.04.26
In Kürze

Immer mehr Studien zeigen, dass PFAS unsere Gesundheit leise, aber dauerhaft schädigen: ein geschwächtes Immunsystem, beeinträchtigte Organe, verminderte Fruchtbarkeit und gestörte Entwicklung des Fötus – bereits in der Schwangerschaft. Besonders TFA, das sich rasch verbreitet, bereitet Wissenschaftlern Sorgen.
Angesichts dieser nahezu unvergänglichen Stoffe ist Vorsicht kein Luxus mehr – unsere Gesundheit steht auf dem Spiel.

Wachsende Evidenz zu gesundheitlichen Auswirkungen

Die Auswirkungen vieler PFAS-Substanzen sind noch immer nur unzureichend bekannt. Am besten dokumentiert sind die Effekte von PFOS und PFOA, doch die Forschung nimmt stetig zu und weist dabei alle in dieselbe Richtung: Diese Substanzen haben zahlreiche schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit. Die Toxizität von PFAS ist nicht akut, sondern chronisch: Erst wiederholte Exposition führt zu ernsthaften gesundheitlichen Folgen. Heute wissen wir, dass PFAS beim Menschen eine Vielzahl von Gesundheitsproblemen verursachen können. Besonders das TFA rückt derzeit in den Fokus der Wissenschaft: Es gilt als reproduktionstoxisch, d. h. es kann die Fruchtbarkeit beeinträchtigen und die Entwicklung des Fötus negativ beeinflussen. 

Die Exposition gegenüber PFAS beeinträchtigt das Immunsystem, die Fruchtbarkeit und lebenswichtige Organe im Laufe des gesamten Lebens.

Auswirkungen auf das Immunsystem

  • Die Exposition gegenüber PFAS kann das Immunsystem schwächen, insbesondere bei Kindern: Studien zeigen einen deutlichen Rückgang der Antikörper (1), eine Zunahme von Infektionen (Atemwegs- und Verdauungsinfektionen) (2) sowie vermehrt entzündliche Erkrankungen wie atopische Dermatitis (3). Eine frühe Exposition bereits während der Schwangerschaft verstärkt diese Effekte.
  • PFAS stören auch die Funktion der Schilddrüse (4), einer zentralen Drüse für den Stoffwechsel und die Entwicklung. Bei stärker exponierten Personen ist das Risiko einer Hypothyreose deutlich erhöht, sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern (5).
  • Schließlich ist die Leber eines der Hauptorgane, in denen sich PFAS anreichern. PFAS fördern die Fettspeicherung in der Leber und stehen mit dem frühen Auftreten einer Fettleber in Verbindung, die sich zu schweren Lebererkrankungen wie Zirrhose oder Krebs entwickeln kann.(6)
  • Langzeitstudien zeigen, dass die Exposition gegenüber PFAS sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern mit einem Anstieg des Cholesterinspiegels im Blut verbunden ist. (7)
  • PFAS reichern sich in den Nieren an, weil sie dort stark rückresorbiert werden. Das kann die Nierenfunktion beeinträchtigen und das Risiko für chronische Nierenerkrankungen erhöhen, auch bei Kindern. (8)
    Mehrere Studien zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen der Exposition gegenüber langkettigen PFAS und Nierenkrebs, wobei sich das Risiko um bis zu das 12-Fache erhöhen kann. (9)

Reproduktionstoxische Stoffe: Fruchtbarkeit und Entwicklung in Gefahr

Ein Stoff gilt als reproduktionstoxisch, wenn er die Fruchtbarkeit beeinträchtigen oder die Entwicklung des Kindes vor der Geburt stören kann. Immer mehr Daten deuten jedoch darauf hin, dass bestimmte PFAS mit solchen Auswirkungen in Verbindung stehen.

  • Langzeitstudien bei Männern zeigen, dass höhere PFAS-Konzentrationen im Blut mit einer verminderten Spermienkonzentration und Gesamtzahl der Spermien sowie einer reduzierten Beweglichkeit verbunden sind, was ihre Fähigkeit zur Befruchtung einer Eizelle beeinträchtigen kann (10).
  • Nach einer Exposition wurden zudem Hodenveränderungen und Störungen des Hormonhaushalts beobachtet. Bei den Personen, die dem PFOA am stärksten ausgesetzt waren, steigt das Risiko für Hodenkrebs um etwa 35 % (11).
  • Studien zeigen, dass bei Frauen bereits eine geringe Exposition gegenüber PFOA oder PFHxS mit einem um etwa 30 % erhöhten Risikofür Unfruchtbarkeit verbunden ist (12).

Eine besondere Anfälligkeit vor der Geburt

PFAS passieren die Plazentaschranke und gelangen in die Muttermilch (13). Kleinkinder weisen daher oft höhere Konzentrationen im Blut auf als ihre Mütter (14), was sie selbst bei geringen Dosen besonders anfällig macht.

Die Exposition von schwangeren Frauen ist mit einer Beeinträchtigung des fetalen Wachstums und einem niedrigeren Geburtsgewicht verbunden (15).

Auswirkungen von PFAS auf die menschliche Gesundheit. Quelle: EEA (Europäische Umweltagentur)

TFA, ein „kleines“ PFAS, das sich schnell anreichert

Unter den neu auftretenden PFAS steht TFA derzeit besonders im Fokus. Es ist sehr klein und in der Umwelt mobil und entsteht insbesondere beim Abbau bestimmter Pestizide und Kältemittel. Es wird schnell vom Körper aufgenommen, zirkuliert im Blut und passiert die Plazenta. Obwohl es nicht als bioakkumulierbar gilt, führt sein zunehmendes Vorkommen in Wasser und Lebensmitteln zu einer kontinuierlichen Exposition der Bevölkerung. 

TFA wird verdächtigt, Auswirkungen auf die Entwicklung des Fötus, die Schilddrüsenhormone, das Immunsystem sowie die männliche Fortpflanzung zu haben. Diese Effekte sind bisher vor allem bei Tieren dokumentiert, doch der Nachweis von TFA im Trinkwasser, in Lebensmitteln und sogar im menschlichen Nabelschnurblut gibt Anlass zu großer Besorgnis, insbesondere für Schwangere und Kinder.. (16) 

Die Risiken sind wahrscheinlich zudem unterschätzt: Die Industrie hat Daten häufig selektiv ausgewählt und interpretiert, wodurch bestimmte beobachtete Effekte (wie Fehlbildungen oder hormonelle Störungen) minimiert oder ausgeblendet wurden, während gleichzeitig zentrale Studien verzögert wurden.
Zudem wurden sehr hohe, wenig schützende Sicherheitsgrenzwerte verteidigt und spekulative Argumente genutzt, um Zweifel zu säen. Hinzu kommen erhebliche methodische Schwächen: unvollständige Studien, nicht erfasste Effekte, unzureichend kontrollierte Expositionen – sowie ein Mangel an Unabhängigkeit bei der Risikobewertung.
Das Ergebnis ist ein unvollständiges Bild der tatsächlichen Toxizität von TFA, was zu besonderer Vorsicht und dem Bedarf an transparenteren und strengeren Forschungsarbeiten führt. (17)

Das Vorsorgeprinzip ist unerlässlich

Alle bisher untersuchten PFAS weisen toxische Wirkungen auf: Auf zusätzliche Beweise für jede neue Substanz wie TFA zu warten, bedeutet, ewige Schadstoffe weiter zu verbreiten und den Planeten in ein Labor zu verwandeln – mit unserer Gesundheit als Versuchskaninchen.

Dieser Artikel ist Teil einer Reihe, die sich den PFAS und insbesondere dem TFA widmet. In den vorherigen Beiträgen wurde die Anreicherung dieser Moleküle in der Umwelt und in unserer Nahrung sowie ihre wichtigsten Quellen aufgezeigt.

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Quellen

[1] PFAS: Vorkommen, Risiken und Handlungsansätze. Swiss Academies Factsheets, Band 20, Nr. 4. Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT). DOI: 10.5281/zenodo.16958276. https://scnat.ch/fr/uuid/i/9cec258e-6caa-524e-a7dd-bb0a9821c80f-PFAS%C2%A0_présence_risques_et_pistes_d'action

[2] https://www.agrarforschungschweiz.ch/fr/2025/10/acide-trifluoroacetique-et-autres-pfas-dans-les-eaux-souterraines-quelle-part-incombe-aux-produits-phytosanitaires/

[3] BAFU (2024) PFAS. https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/thema-wasser/grundwasser/grundwasser-qualitaet/pfas-im-grundwasser.html

[4] BAFU (2024) TFA. https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/thema-wasser/grundwasser/grundwasser-qualitaet/tfa-im-grundwasser.html

[5] https://www.pan-europe.info/sites/pan-europe.info/files/public/resources/reports/Report_03062025_TFA%20in%20Cereal%20Products%20The%20Forever%20Chemical%20in%20our%20Daily%20Bread.pdf

[6] F. Freeling und M. K. Björnsdotter, „Assessing the environmental occurrence of the anthropogenic contaminant trifluoroacetic acid (TFA)“ (Bewertung des Vorkommens des anthropogenen Schadstoffs Trifluoressigsäure (TFA) in der Umwelt), 1. Juni 2023, Elsevier B.V. doi: 10.1016/j.cogsc.2023.100807

[7] H. P. H. Arp, A. Gredelj, J. Glüge, M. Scheringer und I. T. Cousins, „The Global Threat from the Irreversible Accumulation of Trifluoroacetic Acid (TFA)“ (Die globale Bedrohung durch die irreversible Anreicherung von Trifluoressigsäure (TFA)), Environ Sci Technol

[8] R. Holland et al., „Untersuchung der Produktion von Trifluoressigsäure aus zwei Halogenkohlenwasserstoffen, HFC-134a und HFO-1234yf, und deren Verbleib unter Verwendung eines globalen dreidimensionalen chemischen Transportmodells“, ACS Earth Space Chem, Band 5, Nr. 4, 2021, doi: 10.1021/acsearthspacechem.0c00355.

[9] https://chemtrust.org/wp-content/uploads/FAQ-Green-Transition-2024_January_2025.pdf

[10] https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/5750/publikationen/2021-05-06_texte_73-2021_persistent_degradation_products.pdf

[11] Anders R. Johnsen, Trine Henriksen und Christian N. Albers (2024): TriFluPest – Trifluoressigsäure (TFA) aus Pestiziden. Bekæmpelsesmiddelforskning Nr. 230, ISBN: 978-87-7038-688-3, herausgegeben vom Umweltamt

[12] https://www.umweltbundesamt.de/pfas-haltige-pestizide-in-der-landwirtschaft

[13] https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/11850/publikationen/2021_hg_chemiekalieneintrag_bf_v2.pdf

[14] https://www.umweltbundesamt.de/hydrofsites/default/files/medien/11850/publikationen/hgp_reducing_the_input_of_chemicals_into_waters_v2.pdf

[15] EURL, Europäische Referenzlaboratorien für Pestizidrückstände, 2017. Rückstände von DFA und TFA in Proben pflanzlichen Ursprungs. URL https://www.eurl-pesticides.eu/userfiles/file/eurlsrm/eurlsrm_residue-observation_tfa-dfa.pdf

[16] https://www.pan-europe.info/sites/pan-europe.info/files/public/resources/reports/Report_03062025_TFA%20in%20Cereal%20Products%20The%20Forever%20Chemical%20in%20our%20Daily%20Bread.pdf

[17] https://www.pan-europe.info/sites/pan-europe.info/files/public/resources/reports/Manufacturing%20Doubt%20how%20industry%20downplays%20TFA%27s%20toxicity_Report%2026092025.pdf

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