
Pflanzenschutzmittel, umgangssprachlich „Pestizide“[1] werden meist verwendet, um Unkräuter, Schadinsekten oder schädliche Pilze für Nutzpflanzen zu tilgen. Sie sind durchwegs auch toxisch für andere Lebewesen – namentlich für den Mensch. Gefährdet sind in erster Linie Personen, die regelmässig mit solchen Chemikalien in Kontakt kommen, wie etwa Landwirt:innen oder Gärtner:innen.[2]
Es wird vermutet, dass weltweit rund 11‘000 Personen pro Jahr an den direkten Folgen einer Pestizidvergiftung sterben. Ein Grossteil dieser akuten Fälle betrifft Landwirt:innen aus Ländern des globalen Südens.[3] Es ist aber anzunehmen, dass Pestizide für viele weitere Todesfälle verantwortlich sind – auch hier in der Schweiz. Während akute Vergiftungen hierzulande selten vorkommen, zeigt eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien, dass der wiederholte und langfristige Kontakt mit Pestiziden auch ein erhöhtes Risiko für diverse chronischen Krankheiten mit sich bringt. Krankheiten also, die sich zum Teil erst Jahre oder gar Jahrzehnte später bemerkbar machen. So wird die Pestizidexposition unter anderem mit Krankheiten wie Parkinson, Asthma und verschiedenen Krebsarten (z.B. Lungen- oder Darmkrebs) in Verbindung gebracht.[4]
Epidemiologische Studien zeigen eindeutig, dass viele Pestizide langfristige gesundheitsschädliche Auswirkungen haben. Allerdings ist es im Einzelfall schwierig nachzuweisen, was eine Krankheit tatsächlich verursacht hat. Die Tatsache, dass Krankheiten oft erst mehrere Jahre nach der Pestizidexposition auftreten, erschwert den Nachweis zusätzlich. Dennoch ist es offensichtlich, dass die Exposition gegenüber Pestiziden diese Krankheiten begünstigt.[4],[5] Im Rahmen dieser Untersuchung haben wir eine Person befragt, die jahrelang mit Pestiziden gearbeitet hat und bei der 20 Jahre später Darmkrebs diagnostiziert wurde.
Kari kam im Jahre 1947 auf die Welt und wuchs im bernischen Mittelland auf. Von 1964 bis 1967 war er Lehrling in einer Baumschule – dabei spezialisierte er sich auf die Bekämpfung tierischer und pilzlicher Schädlinge. Danach wechselte er in die Baubranche, arbeitete aber noch über zehn Jahre sporadisch in der Baumschule. Heute ist Kari pensioniert und lebt in Herzogenbuchsee.
Jonas: Wie du uns mitgeteilt hast, bist du während deiner Lehre als Baumschulist regelmässig verschiedenen Pestiziden ausgesetzt gewesen. Wie ging man mit den Pestiziden um? Welche Vorsichtsmassnahmen traf man?
Kari: Das stimmt. Während meiner Lehre als Baumschulist kam ich am häufigsten mit Pestiziden in Kontakt. Doch auch nach der Lehre, bis 1977, kam ich öfters in Kontakt damit, da ich weiterhin noch sporadisch in der Baumschule arbeitete. Beim Anrühren der Spritzmittel wurde die angegebene Menge abgemessen und dann noch ein wenig dazu gegeben, sodass das Mittel sicher wirkt. Ausgebracht wurden sie dann mit einer Spritzpistole, sodass man unweigerlich im Nebel stand – ohne Schutzmaske und zum Teil mit nacktem Oberkörper. Weil wir öfters Pflanzen verbrannten, konnten die Pestizidreste ausserdem gut gebraucht werden, um Feuer anzufachen.
Jonas: Waren euch die gesundheitlichen Risiken dabei bewusst?
Kari: Nein. Die Beschriftungen auf den Behältern wurden ignoriert. Jedoch habe ich in der Baumschule oft tote Hasen gefunden. Im Nachhinein wurde mir klar, dass die Hasen an Reglone (Herbizid mit dem Wirkstoff Diquat, seit 2022 verboten, Anm. d. Red.) starben. Damit wurde das Unkraut abgebrannt. Als sich meine Katze eines Tages nach dem Spritzen in meinem Garten vergiftete, fing ich an, weniger davon zu benutzen. Die Katze konnte zum Glück gerettet werden, die Hasen nicht
Jonas: Wie ging es dir damals gesundheitlich?
Kari: Zum Glück sehr gut! An grosse Beschwerden erinnere ich mich nicht. Nur einmal nach dem Abbrennen von Pflanzen mithilfe von Spritzmitteln musste ich erbrechen und hatte Kopfweh. Ausserdem war der Magen ab und zu verstimmt, aber an die Chemie habe ich dabei nie gedacht. Nach der Spritzerei im Winter musste ich ausserdem jeweils den Bart entfernen, weil dieser total gelb verfärbt war.
Jonas: Der Kontakt mit Pestiziden kann nebst akuten Vergiftungen auch langfristige Folgen für die Gesundheit haben[4] . Haben sich auch bei dir langfristige Folgen bemerkbar gemacht?
Kari: Ja, ich vermute schon. Gegen Ende der 1990er Jahre ging ich wegen einer Blinddarmentzündung zum Doktor – dabei hat man bei mir Darmkrebs festgestellt. Da ich mehrheitlich in der Natur arbeitete und viel Zeit an der frischen Luft verbrachte, habe ich niemals an sowas gedacht. Weil man den Krebs frühzeitig bemerkte, konnte er zum Glück entfernt werden.
Jonas: Sind dir aus deinem Umfeld weitere Fälle von ähnlichen Erkrankungen von Menschen, die ebenfalls mit Pestiziden arbeiteten, bekannt?
Kari: Ja, drei Kollegen in meinem näheren Bekanntenkreis starben an Darmkrebs. Zwei davon noch vor der Pensionierung – alle drei waren intensiv mit der Spritzerei beschäftigt.
Jonas: Wie geht es dir heute?
Kari: Die Gelenke und Muskeln sind natürlich nicht mehr so wie ich sie gerne hätte, aber dem Alter entsprechend gut!
Wie ausgeführt lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob Kari’s Darmkrebs auf die Pestizidexposition zurückgeht. Doch nicht nur die Studienlage zeigt ein eindeutiges Bild: Tatsächlich sind Krebs und Parkinson häufige «Berufskrankheiten» für Berufsgruppen die regelmässig mit Pestiziden arbeiten, so z.B. Landwirt:innen, Gärtner:innen oder Winzer:innen.[6],[7] In Frankreich, Italien und Deutschland wurde Parkinson mittlerweile offiziell als Berufskrankheit anerkannt – im Gegensatz zur Schweiz.[8] TTatsächlich wurde hierzulande (2024) sogar eine Motion, die dies ändern wollte, vom Nationalrat und vom Bundesrat abgelehnt. Begründet wurde der Entscheid damit, dass die Krankheit im Einzelfall ja bereits als Berufskrankheit gelte. Allerdings müssen dafür die Betroffenen selbst einen Zusammenhang mit dem Pestizideinsatz belegen[9] – was äusserst schwierig ist (mehr dazu unter «Parkinson als Berufskrankheit – wann zieht die Schweiz nach? »). Mit der Anerkennung als Berufskrankheit wäre dieser Beweis für die betroffenen Parkinsonpatienten zum einen vereinfacht worden. Zum anderen hätte es den rund 18% Landwirt:innen (Schätzung für 2024[10]), die in einem Anstellungsverhältnis (sprich: unselbstständig) tätig sind, bessere Versicherungsleistungen verschafft. Dies, weil der Zugang zu Leistungen der Schweizerischen Unfallversicherung (UVG) geöffnet worden wäre, statt nur zu Leistungen der Krankenversicherung.
Nebst der Anerkennung der langfristigen Folgen von Pestiziden als Berufskrankheit könnten Kohorten-Studien und das Reporting von Pestizideinsätzen helfen, die Gesundheitsgefährdung der Anwender:innen (und Anwohner:innen) einzuschätzen und Massnahmen zur Verbesserung zu finden. Eine grossangelegte Studie, die unter anderem die gesundheitlichen Folgen der Pestizidexposition untersucht hätte, wurde jedoch vom Bundesrat (2025) in den Sand gesetzt. Dieser begründete den Entscheid mit der «angespannten finanziellen Lage des Bundes ».[11] Die Kosten hätten sich auf ca. 10 Mio. Franken pro Jahr belaufen.[12] Das sind 0.011 % der Bundesausgaben von 87 Mrd. pro Jahr bzw. ein guter Franken pro Einwohner und Jahr.[13] Die Gesundheit der Menschen scheint wenig Wert zu haben.
Was das Reporting der Pestizideinsätze (durch Anwender, parzellengenau) betrifft, sah es zunächst besser aus. Zufolge der parlamentarische Initiative 19.475 («Das Risiko beim Einsatz von Pestiziden reduzieren»)[14] wurde 2021 beschlossen, eine parzellengenaue Aufzeichnungspflicht für Pflanzenschutzmittel-Anwendungen einzuführen. Darauf entwickelte der Bund die digitale Meldeplattform «digiFLUX».[15] Die Plattform wurde jedoch von landwirtschaftlichen Kreisen stark kritisiert – hauptsächlich mit dem Argument, dass sie zu einem grossen Mehraufwand für die Landwirt:innen führe.[16] Tatsächlich ging es darum, dem Bund keine Grundlagen zu liefern, mit denen er vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt den Pestizideinsatz zugunsten von Gesundheit, Gewässern und Natur besser hätte steuern können. Damit konnten sie die Mitteilungspflicht erfolgreich abschwächen, so dass die Plattform nun zahnlos (ohne parzellengenaue Angaben) und ein Jahr verzögert (ab 2027) eingeführt wird[17]
Trotz des politischen Unwillens gewisser Akteure ist es möglich, die gesundheitlichen Folgen von Pestizidexposition zu senken. Wir schlagen drei Massnahmen vor:
Erstens wäre es wichtig, unseren Nachbarländern zu folgen und Berufskrankheiten, die in einem Zusammenhang mit Pestiziden stehen, anzuerkennen. Dies würde erkrankte Personen entlasten und voraussichtlich die Krankheitsprävention fördern.[18]
Zweitens wäre die Einführung eines Ortsregisters für Krankheiten wie Parkinson oder Krebs zu begrüssen. Dies wäre ein recht einfaches Werkzeug, um Unterschiede in der örtlichen Verteilung dieser Krankheiten aufzudecken und es würde die Suche nach möglichen Risikofaktoren und Ursachen vereinfachen.
Drittens sollten langfristige, wissenschaftliche Studien zu den gesundheitlichen Folgen von regelmässigem Kontakt zu Pestiziden durchgeführt werden.
Diese drei Massnahmen sind allesamt essenziell. Doch genauso wichtig ist, die Ursache der Krankheiten zu bekämpfen. Während ein Verbot aller Pestizide unrealistisch und auch nicht nötig ist, sollten die Stoffe nur nach einer wissenschaftlich fundierten Prüfung der gesundheitlichen und ökologischen Risiken zugelassen werden. Nur durch eine strengere Prüfung der Auswirkungen von Pestizid-Wirkstoffen auf Mensch und Umwelt lassen sich gesundheitliche Schäden nachhaltig verhindern.
Der regelmässige Kontakt mit hochgiftigen Pestiziden kann erwiesenermassen noch Jahre später schwere Krankheiten wie Parkinson oder Krebs auslösen. Kari hatte Glück im Unglück, da man bei ihm den Krebs früh genug entdeckte, um ihn zu entfernen. Eine Vielzahl anderer Menschen haben dieses Glück nicht. Durch Massnahmen, wie wir sie hier vorgestellt haben, könnte ein grosser Teil solcher Schicksale zukünftig vermieden werden.
Wir bedanken uns herzlich beim Team von OhneGift für die Erlaubnis, ihren Artikel zu veröffentlichen. Der Artikel wurde von Jonas Wiget verfasst und von Paula Rouiller übersetzt. Um mehr über OhneGift zu erfahren, besuchen Sie die Website: ohnegift.ch
Diese Artikel sind nicht nur Warnungen: Sie spiegeln auch einen Aufwand an Aufklärung und Informationsvermittlung wider, der es jedem ermöglicht, technische Zusammenhänge zu verstehen und informiert zu handeln.
Wenn Sie uns helfen möchten, diese wichtige Arbeit fortzusetzen, können Sie Future 3 mit einer Spende unterstützen: https: //www.future3.ch/don
[1] Anm. d. Übers.: Im Französischen ist der Begriff „pesticides“ der Oberbegriff für Pflanzenschutzmittel und Biozide. Die deutschen Begriffe entsprechen den französischen (Pestizide/Pflanzenschutzmittel/Biozide). Im Englischen hingegen bezieht sich der Begriff „pesticides“ hauptsächlich auf Pflanzenschutzmittel.
[2] WWF (2026): Pestizide: Wirkung und Gefahren (abgerufen am 03.04.2026).
[3] Internationales Institut für nachhaltige Entwicklung (2021): UNEP-Bericht nennt wichtigste Maßnahmen zur Minimierung der negativen Auswirkungen von Pestiziden und Düngemitteln (abgerufen am 03.04.2026).
[4] Mostafalou, S., & Abdollahi, M. (2017): Pestizide: Ein Überblick über die Exposition des Menschen und die Toxizität.
[5] Shekar, C. et al. (2024): Eine systematische Übersicht über die Pestizidexposition, die damit verbundenen Risiken und die langfristigen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit.
[6] Krebsliga (2026): Risikofaktoren am Arbeitsplatz (abgerufen am 03.04.2026).
[7] NZZ (2024): Pestizide können Parkinson auslösen – die Bauern in der Schweiz müssen damit leben.
[8] Infosperber (2024): Parkinson durch Pestizide wird in Deutschland zur Berufskrankheit(abgerufen am 03.04.2026).
[9] SRF (2024): Parkinson soll bei Landwirten als Berufskrankheit anerkannt werden (abgerufen am 03.04.2026).
[10] Statistik der Unfallversicherung UVG: Persönliche Mitteilung vom 27.04.2026.
[11] Das Schweizer Parlament (2025): Erfüllt der Bund seine gesetzlichen Aufgaben zum Schutz der Gesundheit? (abgerufen am 03.04.2026).
[12] SRF (2025): Bund spart Studie zur Belastung durch PFAS und Pestizide ein (abgerufen am 20.04.2026)
[13] Eidgenössisches Finanzdepartement (2026): Die Bundesfinanzen (abgerufen am 20.04.2026).
[14] Das Schweizer Parlament (2021): Das Risiko beim Einsatz von Pestiziden reduzieren(abgerufen am 03.04.2026).
[15] Bundesamt für Landwirtschaft (2025): Webanwendung digiFLUX (abgerufen am 03.04.2026).
[16] Das Schweizer Parlament (2025): Aufhebung der Pflicht zur Verwendung von Digiflux für landwirtschaftliche Betriebe (abgerufen am 03.04.2026).
[17] digiFLUX (2024): digiFLUX: Einführungsphase mit vereinfachter Meldepflicht(abgerufen am 03.04.2026).
[18] Norddeutscher Rundfunk (2024): Berufskrankheit bei Landwirten: Pestizide verursachen Parkinson (abgerufen am 03.04.2026).