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Unsere Gärten wiederbeleben, um den Igel zu retten

Célina Leuba & Leïla Rölli
Von
Célina Leuba & Leïla Rölli
am
25.05.26
In Kürze

Der Europäische Igel ist mit zahlreichen Bedrohungen konfrontiert, doch es gibt konkrete Lösungen, um diesen Trend umzukehren. Lebendige Gärten, weniger Pestizide und neu gestaltete Grünflächen bieten bereits konkrete Möglichkeiten, ihm zu helfen. Anhand eines Interviews mit Pro Igel zeigt der Artikel, wie jeder – vom Einzelnen bis hin zu den Gemeinden – dazu beitragen kann, ihm wieder einen Platz in unserer Welt zu geben.

Hintergrund

Der an seinen Stacheln erkennbare und in unseren Gärten heimische Europäische Igel befindet sich derzeit in einer kritischen Phase. Sowohl in der Schweiz als auch in der Europäischen Union gehen seine Bestände zurück, und die Art gilt mittlerweile als potenziell gefährdet.

Die Ursachen sind vielfältig: der Verlust seiner Lebensräume, die Zersiedelung der Landschaft, der Straßenverkehr – aber auch der Einsatz von Pestiziden. Diese verringern nicht nur seine Nahrungsressourcen, indem sie die Populationen wirbelloser Tiere stark dezimieren, sondern gelangen auch in die Nahrungskette. Wenn der Igel kontaminierte Insekten frisst, reichern sich diese Substanzen in seinem Körper an.

Früher war der Igel vor allem in ländlichen Gebieten anzutreffen, heute lebt er hauptsächlich in unseren Gärten, Parks und städtischen Grünanlagen. So ist er zu einem echten Symbol für die lokale Artenvielfalt geworden. In der Schweiz wurde er von Pro Natura zum Tier des Jahres 2026 gewählt – eine Auszeichnung, die deutlich macht, wie dringend es ist, seine Bedürfnisse besser zu verstehen und seinen Schutz zu verstärken.

Um die Herausforderungen, denen diese Tierart gegenübersteht, sowie mögliche konkrete Lösungen besser zu verstehen, haben wir uns an Pro Igel gewandt, die auf den Schutz von Igeln spezialisierte Schweizer Organisation, und uns mit Monika Waelti, der Koordinatorin des Vereins Pro Igel, ausgetauscht.

Interview

1. Können Sie Pro Igel vorstellen und erläutern, welche Rolle die Organisation heute beim Schutz der Igel in der Schweiz spielt?

Pro Igel ist seit 37 Jahren die führende Schweizer Organisation für den Schutz und die Förderung des Igels. Unser Ziel ist es, seinen Lebensraum nachhaltig zu erhalten und die Bevölkerung für die Bedeutung natürlicher Lebensräume zu sensibilisieren. Wir zeigen, wie Gärten, Parks und Wohngebiete wieder zu Orten werden können, an denen der Igel seinen Platz findet.

Der Europäische Igel steht heute unter starkem Druck. Straßen zerschneiden seine Wanderwege, Lebensräume verschwinden und Insekten werden immer seltener. Vor allem Pestizide setzen ihm schwer zu: Sie vernichten seine Nahrungsquellen und vergiften ihn gleichzeitig über die Nahrungskette.

Den Igel zu schützen bedeutet also auch, die Artenvielfalt zu schützen. Wo der Igel lebt, ist die Natur in der Regel reichhaltig und vielfältig.

2. Der Igel lebt heute hauptsächlich in Gärten, Parks und städtischen Grünanlagen. Was können Privatpersonen und Gemeinden tun, um diese Orte für Igel lebenswerter zu gestalten?

Der Igel braucht keine perfekten Gärten – er braucht lebendige Gärten.

In zu ordentlichen, betonierten oder kahlgemähten Bereichen findet er kaum Nahrung oder Versteckmöglichkeiten. Viele intensiv gepflegte Grünflächen sind für ihn wahre „grüne Wüsten“.

Schon kleine Veränderungen können einen großen Unterschied machen: eine etwas verwilderte Ecke im Garten, ein Laubhaufen, eine Hecke aus einheimischen Pflanzen oder auch eine kleine Öffnung im Zaun, damit er von einem Garten zum anderen gelangen kann. Was oft als „Unordnung“ empfunden wird, ist für den Igel in Wirklichkeit lebenswichtig. Diese Strukturen beherbergen ein ganzes Leben: Insekten, Larven, Käfer – seine gesamte Nahrungswelt.

Auch die Gemeinden können durch Blumenwiesen, naturnahe Parks und eine weniger intensive Pflege der Grünflächen solche kleinen Rückzugsgebiete für die Artenvielfalt schaffen.

Der Verzicht auf Pestizide bleibt unerlässlich. Chemikalien schränken die Artenvielfalt stark ein und berauben den Igel nach und nach seiner Nahrungsquellen. Wo es viele Insekten gibt, profitiert das gesamte Ökosystem davon – auch der Mensch.

3. Welche Alternativen gibt es, um ohne Chemikalien zu gärtnern und Schädlinge auf natürliche Weise einzudämmen?

Ein artenreicher Garten findet oft sein eigenes Gleichgewicht. Wenn man auf Chemikalien verzichtet, fördert man die Rückkehr natürlicher Nützlinge: Vögel, Marienkäfer und Laufkäfer und auch der Igel gehört dazu.

Mischkulturen, robuste Pflanzen, Kompost anstelle von Kunstdünger, einheimische Arten und Blumenwiesen tragen dazu bei, dieses Gleichgewicht zu stärken.

Pestizide zerstören dieses empfindliche Ökosystem rasch. Sie treffen nicht nur bestimmte Schädlinge, sondern ganze Lebensgemeinschaften. Für den Igel bedeutet dies weniger Nahrung und eine höhere Aufnahme giftiger Substanzen über vergiftete Insekten.

Junge Igel im Laub: Vom Frühling bis zum Spätsommer ziehen die Igelweibchen ihre Jungen auf. Diese Nester sind gut versteckt, liegen bodennah und sind von außen kaum zu erkennen.

4. Beobachten Sie eine Veränderung der Praktiken bei Privatpersonen oder in bestimmten Gemeinden?

Die Zeichen stehen gut: Naturgärten, Blumenwiesen und pestizidfreie Pflege finden immer mehr Anhänger, während die Gemeinden bei der Grünflächenpflege zunehmend auf Biodiversität setzen.

Wir beobachten jedoch auch gegenläufige Tendenzen: Unfruchtbare Steingärten, betonierte Flächen und intensiv gepflegte Rasenflächen sind nach wie vor weit verbreitet, insbesondere auf Grundstücken, die von Immobilienverwaltungen bewirtschaftet werden. In diesem Bereich muss das Bewusstsein für das Thema Biodiversität noch stärker geschärft werden.

Rasenmähroboter stellen ebenfalls ein großes Problem dar, vor allem nachts, wenn sie zu einer Gefahr für Igel werden.

Auch im Hinblick auf Pestizide sind weiterhin Anstrengungen erforderlich. Vielen Menschen ist nicht bewusst, inwieweit der Rückgang der Insektenpopulationen mit dem Rückgang der Igelpopulationen zusammenhängt. Natürlichere Grünflächen und eine Reduzierung des Einsatzes von Chemikalien wären daher wichtige Maßnahmen, um die Situation nachhaltig zu verbessern.

5. Können Privatpersonen ihre Gemeinde dazu bewegen, den Einsatz von Pestiziden im öffentlichen Raum zu reduzieren? Wie?

Ja, auf jeden Fall.

Die Gemeinden reagieren oft auf Initiativen aus der Bevölkerung. Die Bürgerinnen und Bürger können das Thema aktiv angehen, beispielsweise durch den Austausch mit den Gemeindebehörden, durch lokale Initiativen oder durch Vorschläge für naturfreundlichere Gestaltungsmaßnahmen.

Es ist wichtig zu zeigen, dass eine pestizidfreie Grünfläche nicht gleichbedeutend mit einer schlecht gepflegten Fläche ist, sondern im Gegenteil einen ökologisch reichhaltigeren und oft nachhaltigeren Ort darstellt. Blühende Wiesen anstelle von kurz gemähten Rasenflächen, natürliche Hecken, selteneres Mähen und der Verzicht auf Pestizide machen für Insekten einen großen Unterschied.

Solche Massnahmen fördern die Insektenpopulationen und verbessern damit direkt die Nahrungsgrundlagen der Igel. Den Gemeinden kommt hier eine wichtige Vorbildfunktion zu; sie können zeigen, dass Biodiversität und Lebensqualität Hand in Hand gehen. Die Stadt Bern kann hier als positives Beispiel angeführt werden.

6. Welche Vorsichtsmaßnahmen sind vor dem Rasenmähen oder Freischneiden zu treffen?

Vor dem Mähen lohnt es sich, den Bereich sorgfältig zu überprüfen, insbesondere hohes Gras, die Unterseite von Hecken oder Laubhaufen.

Der Igel rennt nicht weg: Er bleibt regungslos stehen und rollt sich zusammen – genau das macht ihn so verwundbar.

Man sollte daher langsam vorgehen, aufmerksam bleiben, Rückzugsgebiete erhalten und es vermeiden, in der Dämmerung oder nachts zu mähen.

Wenn Sie einen verletzten, besonders kleinen, geschwächten oder tagsüber aktiven Igel finden und sich unsicher sind, sollten Sie sich unbedingt an eine Fachstelle oder unsere Hotline wenden. Lieber einmal zu viel um Rat fragen als zu spät – viele Igel können gerettet werden, wenn rechtzeitig gehandelt wird.

Gibt es tatsächlich Mähroboter, die für Igel sicherer sind?

Manche Geräte erkennen Hindernisse mittlerweile besser. Eines bleibt jedoch klar: Kein Mähroboter ist für Igel wirklich ungefährlich.

Vor allem junge Igel bleiben oft unbemerkt. Mähroboter sollten daher nur tagsüber eingesetzt werden, niemals jedoch nachts oder in der Dämmerung.

Ein großes Dankeschön an Pro Igel für sein Engagement

Als unabhängige Organisation finanziert sich Pro Igel vollständig aus Spenden und privaten Beiträgen. Diese Unterstützung durch die Bevölkerung ist unerlässlich, damit wir unsere Arbeit in den Bereichen Information, Beratung und Tierschutz langfristig fortsetzen können.

Wir bedanken uns herzlich bei Monika Waelti für ihre Antworten.

Weitere Informationen über die Organisation Pro Igel finden Sie auf deren Website: Pro Igel Schweiz

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