
TFA: Der kleinste der ewigen Schadstoffe ist mittlerweile fast überall in der Schweiz vorhanden. Der Verein ohneGift hat sich mit den Risiken, den Quellen und den Lücken in der Gesetzgebung befasst. Ergänzend dazu hat er auch mit zwei Expertinnen auf dem Gebiet der TFA und Pflanzenschutzmittel gesprochen.
Der Verein OhneGift hat zwei Expertinnen auf dem Gebiet der TFA und Pflanzenschutzmittel interviewt: Dr. Marianne Balmer und Dr. Alexandra Kroll.
Verein ohneGift: Frau Balmer und Frau Kroll, wann hatten Sie zuletzt Kontakt mit einer Substanz aus der Gruppe der PFAS und in welcher Form?
Marianne Balmer: Bewusst vermutlich vor ein paar Tagen, als ich meine Regenjacke getragen habe.
Alexandra Kroll: Beruflich habe ich fast täglich mit der Stoffgruppe zu tun. Doch auch privat begegnen mir PFAS täglich z.B. in elektrischen Geräten und älteren beschichteten Kleidungsstücken.
Wie verbreitet ist TFA heutzutage in unserer Umwelt?
Balmer: TFA wurde in der Schweiz bisher vor allem in Grund- und Trinkwasser, Seen, Flüssen und im Regenwasser untersucht. Der Stoff gelangt aus verschiedenen Quellen in die Umwelt und weist eine sehr hohe Wasserlöslichkeit auf. TFA ist deshalb in fast allen Wasserproben nachweisbar.
Was weiss man momentan über die Risiken von TFA für Menschen und andere Lebewesen?
Kroll: TFA hat hauptsächlich langfristige schädliche Auswirkungen. In der Europäischen Union wird deshalb zurzeit eine Klassifizierung von TFA als „reproduktionstoxisch Kategorie 1B“ diskutiert
In Wasserlebewesen wirkt sich der Stoff ebenfalls auf die Fortpflanzung aus, es liegen aber nicht sehr viele Daten vor – im Vergleich zu anderen Stoffen, die wir bewertet haben.
Eine Analyse des deutschen Umweltbundesamtes zeigt, dass Pflanzenschutzmittel einer der Hauptwege sind, über die TFA in den Wasserkreislauf gelangt 3. Entspricht dies Ihren Erfahrungen in der Schweiz?
Balmer: Tatsächlich sind auch gewisse in Europa und in der Schweiz zugelassene Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe eine wichtige Quelle für TFA in der Umwelt. Insbesondere dort, wo diese auch eingesetzt werden. Beim Abbau dieser Wirkstoffe im Boden kann TFA entstehen.
Insgesamt sind PSM jedoch nicht die Hauptquelle. Als Chemikaliengruppe mit dem grössten Potenzial für den TFA-Eintrag in die Umwelt gelten fluorierte Treib- und Kältemittel 4. Diese werden in der Atmosphäre unter Bildung von TFA abgebaut und dann mit dem Regen in den Wasserkreislauf eingetragen.
Kroll: Das ist auch in der Schweiz der Fall, an Standorten, an denen PFAS-haltige Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Das zeigt eine Studie des BAFU zu TFA im Grundwasser 3. Eine weitere wichtige Quelle sind Kühlflüssigkeiten, die laut Modellrechnungen für rund 50 % der TFA-Emissionen in Form von Niederschlägen in der Schweiz verantwortlich sind.
Heutzutage sind in der Schweiz 26 Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe zugelassen, welche sich potenziell zu TFA abbauen 5.Durch die PaIv Bregy könnten nach einer Sichtung durch den Verein ohneGift mindestens vier* neue Wirkstoffe zugelassen werden, von denen anzunehmen ist, dass sie als Abbauprodukt TFA bilden. In Deutschland, Frankreich, Belgien und der Niederlande werden davon jährlich Mengen von mehreren hundert Kilogramm, bis in den einstelligen – zum Teil sogar zweistelligen – Tonnenbereich verkauft6,7,8,9. Was sind potenzielle Risiken für die Umwelt bei einer breitflächigen Anwendung dieser Stoffe in Form von PSM?
Balmer: Die Anzahl von PSM-Wirkstoffen, die potenzielle Vorläufer von TFA sind und in der Schweiz verkauft wurden, hat in den letzten 15 Jahren abgenommen. Aktuell sind noch 18 Wirkstoffe zugelassen, welche auch in PSM-Produkten verkauft werden. Die insgesamt verkaufte Menge dieser Stoffe ist in dem Zeitraum hingegen konstant geblieben. Die Auswirkungen der PaIv Bregy auf die Verkaufsmengen von Wirkstoffen aus denen TFA gebildet werden kann, und damit auf den potenziellen TFA-Eintrag in die Umwelt, lassen sich kaum prognostizieren.
Kroll: Wir haben wenig Daten, um das wirklich abschätzen zu können. Aber sollten diese Substanzen als Depot im Boden verbleiben, was aufgrund der physiochemischen Eigenschaften möglich ist, würden sie über die Anwendungssaison hinaus TFA freisetzen. Jede Anwendungssaison würde also das Depot je nach Zerfallszeit des Ausgangsstoffes aufstocken und zu höheren TFA-Konzentrationen in den Gewässern führen.
Wie wird die TFA-Konzentration im Trinkwasser in der Schweiz geregelt?Im landwirtschaftlich geprägten Mittelland werden im Trinkwasser schon heute vielerorts TFA-Konzentrationen zwischen 1-10 µg/l gemessen 5. Wie wird die TFA-Konzentration im Trinkwasser in der Schweiz reguliert?
Kroll: Die TFA-Konzentration im Trinkwasser ist derzeit nicht reguliert.
Die EU-Wasserrahmenrichtlinie sieht zum Schutz der menschlichen Gesundheit für TFA einen Grenzwert von 2.2 µg/L vor (u.a. basierend auf der Lebertoxizität in Ratten). Dieser Grenzwert für Lebensmittel (inkl. Trinkwasser) berücksichtigt jedoch nur die Toxizität und keine anderen Faktoren (z.B. Ernährung). Sollte TFA als reproduktionstoxisch klassifiziert werden, zieht das eine andere Bewertung in der Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffgenehmigung der EU nach sich, die wir jeweils direkt übernehmen. Zudem ist davon auszugehen, dass zukünftig neue Richtwerte von der WHO oder EFSA herausgegeben werden, die dann für die Bestimmung von Grenzwerten herangezogen werden.
Welche Massnahmen wären nötig, um die TFA-Belastung in der Umwelt und spezifisch im Trinkwasser zu reduzieren?
Balmer: Eine nachhaltige Reduktion der TFA-Belastung lässt sich letztendlich nur durch die Verminderung der verschiedenen Quellen von TFA in der Umwelt erreichen. Die Behörden in Europa und in der Schweiz arbeiten an der Regulierung von TFA und seinen Vorläufersubstanzen.
Grundwasser – in der Schweiz die wichtigste Trinkwasser-Ressource – wird aber an vielen Standorten nur langsam erneuert. Deshalb werden sich Anstrengungen, die Einträge von TFA zu reduzieren, erst mit zeitlicher Verzögerung auswirken.
Ein wichtiger Grundsatz im Schweizer Umweltrecht ist das Vorsorgeprinzip. Dieses besagt dass Umwelteinwirkungen, von denen angenommen werden kann, dass sie negative Folgen für Mensch oder Umwelt mit sich bringen, frühzeitig zu begrenzen sind 12. Dementsprechend reicht es aus, wenn die wissenschaftliche Beweislage auf die Wahrscheinlichkeit einer Gefährdung hinweist, um die Anwendung eines Stoffes einzuschränken oder zu verbieten. In Anbetracht des Vorsorgeprinzips: Ist es aus Ihrer Sicht akzeptabel, mit dem heutigen Wissensstand und ohne weitere Prüfung, solche Wirkstoffe zuzulassen?
Balmer: PSM werden in Europa und in der Schweiz eingehend auf ihr Umweltverhalten und ihre möglichen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt geprüft, bevor sie zugelassen werden. Trotzdem ist es möglich, dass Mittel, aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, neu bewertet werden müssen. Wie jetzt bei TFA. Auch daran arbeiten die zuständigen Behörden zur Zeit.
Kroll: Meines Erachtens sollte eine hohe Beständigkeit in der Umwelt kombiniert mit einer breiten Anwendung nicht zulässig sein. Ich würde mir grundsätzlich wünschen, dass wir als Gesellschaft diskutieren, zu welchen Gesamtkosten (lokal und global) wir welche Art von Stoffen für welche Anwendung einsetzen wollen.

Wie sähe aus Ihrer Sicht verantwortungsvolles Handeln der Politik in Bezug auf TFA aus?
Balmer: Die TFA-Belastung der Umwelt lässt sich nur an der Quelle verringern, also mit der Regulierung von TFA-Vorläuferverbindungen und ihren Emissionen. An diesem Punkt sollte ein international abgestimmtes Vorgehen ansetzen.
Kroll: Da TFA extrem persistent, mobil und praktisch nicht abbaubar ist, erfordert es meines Erachtens Vorsorge statt reaktives Handeln. Eine Regulierung nur mit Grenzwerten reicht nicht aus, da die Konzentrationen stetig steigen und der Stoff global verteilt ist.
Wir müssten daher das Vorsorge- und Verursacherprinzip ernst nehmen; Quellen regulieren, Berichterstattung einführen, Forschung zu Abbau und Alternativen fördern und in all den Punkten international zusammenarbeiten, weil TFA global mobil ist.
Dr. Marianne Balmer
Marianne Balmer studierte an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften, bevor Sie an der EAWAG doktorierte. Seit 2001 arbeitet sie bei Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung. Dort leitet sie die Forschungsgruppe «Pflanzenschutzmittel – Wirkung und Bewertung». Die Forschungsgruppe untersucht das Verhalten von Pflanzenschutzmitteln und deren Auswirkungen auf die Umwelt und trägt so zur interdisziplinären Betrachtung von Pflanzenschutzmitteln im Kontext des landwirtschaftlichen Einsatzes bei.
Dr. Alexandra Kroll
Alexandra Kroll studierte in Deutschland Biologie und Angewandte Umweltwissenschaften, anschliessend doktorierte sie an der Universität Münster in Biologie. Nach einem Forschungsaufenthalt in Frankreich, arbeitete sie als PostDoc an der EAWAG und anschliessend im Consulting-Bereich bei der Zulassung von Chemikalien. Seit 2019 arbeitet sie am Oekotoxzentrum im Bereich der Risikobewertung. Ihre Expertise umfasst unter anderem die Bereiche Mikroverunreinigung von Gewässern, Zulassung von Pflanzenschutzmitteln und die Effekte von Nanopartikeln auf Organismen.
Abschliessend lässt sich festhalten, dass TFA zukünftig wohl nicht aus der Umwelt verschwinden wird. Dennoch sind wir nicht handlungsunfähig – hohe Konzentrationen von TFA in unseren Gewässern sind dringend zu verhindern, um toxische Auswirkungen auf Menschen und Umwelt vorzubeugen. Dazu muss das Vorsorgeprinzip aus dem Schweizer Umweltrecht ernst genommen und Quellen von TFA in die Umwelt verboten werden, namentlich Kühl- und Pflanzenschutzmittel. Die erfolgte Revision der PSMVist somit ein Schritt in die falsche Richtung – eine Annahme der PaIv Bregy wäre ein weiterer. Die Antwort auf die hohen TFA-Konzentrationen in der Umwelt sollte nicht eine blinde Zulassung von PSM sein, sondern fundierte Risikoabklärungen und vorsorgliches Handeln.
Wir bedanken uns herzlich beim Team von ohneGift für die Erlaubnis, einen Teil ihres Artikels, nämlich das Interview mit Dr. Balmer und Dr. Kroll, wiederzugeben. Der Originalartikel wurde von Jonas Wiget verfasst und von Paula Rouiller übersetzt. den vollständigen Artikel finden Sie auf der Website von ohneGift: ohnegift.ch
Diese Artikel sind nicht nur Warnungen: Sie spiegeln auch einen Aufwand an Aufklärung und Informationsvermittlung wider, der es jedem ermöglicht, technische Zusammenhänge zu verstehen und informiert zu handeln.
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[1] Schweizer Parlament (2025): Ein moderner Pflanzenschutz ist möglich (abgerufen am 12.12.2025) https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20220441
[2] https://www.keskonvote.ch/affairs/20220441/affair_votes/35406
[3] Sturm, S. et al. (2023): Trifluoracetat (TFA): Grundlagen für eine effektive Minimierung schaffen – Räumliche Analyse der Eintragspfade in den Wasserkreislauf.
[4] Balmer, M. E. et al. (2025): Trifluoressigsäure und andere PFAS im Grundwasser – welcher Anteil entfällt auf Pflanzenschutzmittel?: https://doi.org/10.34776/afs16-132
[5] Bundesamt für Umwelt BAFU (2025): TFA im Grundwasser (abgerufen am 11.12.2025).https://www.bafu.admin.ch/de/naqua-tfa
[6] Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (2025): https://gis.bvl.bund.de/datenportal/repositories/PSM-Absatzmengen,Kn9ikjEA2LwP-w4ZGNtV/workbooks/Absatz-Wirkstoffe,TznTUSoI-r5juRVyYGB3/worksheets/Absatz-Wirkstoffe,9RKHmEMDTvGgYsx-_SYupw?workbookHash=j4DOr-ZumXg6XxRvVhU8bIgYXRCu-2a1HZbCkwRRPk6SOz8F (abgerufen am 11.11.2025).
[7] Rijksoverheid (2025): Afzetgegevens gewasbeschermingsmiddelen in Nederland (abgerufen am 11.11.2025).
[8] FÖD Volksgesundheit, Sicherheit der Nahrungsmittelkette und Umwelt (2025): Daten zu den Verkaufsmengen (abgerufen am 11.11.2025).
[9] SDES (2025): Verkauf von Pflanzenschutzmitteln auf Departement-Ebene. Veröffentlicht am 02.06.2025 (abgerufen am 11.11.2025).
[10] Umweltschutzgesetz, USG Art 1.https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1984/1122_1122_1122/fr